Dienstag, 3. Mai 2016

Fühl dich Bern! Todesanzeige: Karl von Gastmann



Wer vieles wagt, ist bei den Menschen im Recht.
 Wer auf das meiste spucken kann, der ist ihr Gesetzgeber, und wer am meisten wagt, 
genießt die meisten Rechte! 
Fjodor Dostojewski “Schuld und Sühne” 




TODESANZEIGE


Traurig, doch mit einiger Erleichterung und Ruhe, nehme ich den Abschied von einen außergewönlichen Mensch, berühmten Akademiker, wagemutigen Philosoph und kaltblütigen Mörder Karl von Gastmann, der in seinem Haus, im Widerstand gegen die Festnahme, von der Polizei erschossen wurde. 

Zuerst soll ich erklären, warum ich meine Zeit mit einem solchen Verbrecher und Mörder verbracht habe. Gastmann und ich waren dermaßen Freunde, dass ein gewöhnlicher Mann mit einem Riese Freunde sein kann. Ich wurde von ihm gelehrt und inspiriert. Ich war immer mit seinem Verstand fasziniert und mit seinen Gedanken entsetzt, aber diese Angst hat meine Neugier immer angeregt. Ich wollte und zögerte zu wissen, welchen Frevel er sagen wird und welche neue Grenze wird er übertreten. Aber ich habe ihn nie gerichtet. Das ist auch mein Ratschlag den Lesern. Man soll über die Toten nicht schlecht sprechen, und weil ich möchte, dass meinen Artikel wahr und ehrlich ist, bitte ich Ihnen, meine lieben Leser, über Gastmann wie über eine Romanfigur zu denken. Ich glaube, dass sein Intellekt und Komplexität verdienen, bemerkt und beschrieben zu werden, und dass das Anderes für einen Moment vergessen sollen wird. Jetzt kann ich beginnen. 

Karl von Gastmann wurde in Sachsen geboren und, aus einem mir unbekannten Grund, ist nach Argentinien in der Jugend ausgewandert. Er wurde Gesandter von Argentinien nach China und danach wurde er plötzlich Franzose. Die Französische Akademie hat ihn aufgenommen und später hat er das Kreuz der Ehrenlegion bekommen. Es klingt ungläubig, aber er war ein zurückhaltender Mann und hat nie über seine persönlichen Erfolge gesprochen. Vielleicht dachte er, dass sie nicht besonders wichtig sind und nicht schwierig zu erreichen. Deshalb ist diese Biografie sehr oberflächig. Sie ist nicht wichtig, um Gastmann zu verstehen, so erzähle ich sie, nur um den Regeln des Genres zu befolgen. Aber ich schreibe weiter. 

Gastmann hat sich für Biologie interessiert und seine Forschungsartikel wurde sehr bekannt. Ich weiß auch nicht, was er in dem Krieg gemacht hat, und ehrlich will ich es nicht wissen. Schließlich, nachdem er überall gereist ist, ist er nach Lamlingen gekommen, um Weltpolitik anzuordnen. Er hat viele Industriellen, Diplomaten und Künstler eingeladen, aber wir (ich meine die Künstler) waren nur eine schöne Dekoration. Die Diplomaten und Industriellen machte ihre Handlungen, aber diese Leute haben ihn immer langweilt. Er war vielleicht die einzige Person, die sich an unserer Anwesenheit gefreut hat. Wir haben viel geredet, und das ist die Zeit, wann ich ihn näher kennengelernt habe.

Wir haben viel über die Kochkunst geredet. Gastmann war ein Kenner der internationalen Küchen aus Südeuropa, Asien, Osteuropa, Südamerika, und so weiter. Er war ein Feinschmecker und Meisterkoch. Er war auch ein Philosoph (ich habe bemerkt, dass das oft zusammen geht). Das ist, was mich an ihm am meisten fasziniert hat. Er war ein Nihilist und ich kann nicht umhin, ihn mit Raskolnikov aus dem Roman “Schuld und Sühne” zu vergleichen. Er hatte seine eigene Theorie, die behauptet, dass man alle Menschen wie geometrischen Figuren analysieren kann. Man kann ebenso gut wie böse sein, und es gibt keine menschliche Natur, um das zu verhindern. Wenn man an Mensch nicht glaubt, glaubt man an nichts. Und dieser Unglaube so stark sein kann, dass man gleichgültig wird. Gastmann lebte und seine Laune führte sein Leben. Er mochte mit sich selbst und mit anderen spielen. Man konnte alles von ihm erwarten, und das ist, was mich zitternd gemacht hat. Es war ihm egal, ob er das Gute oder das Böse tut, weil er schätzte kein über anderes. Deswegen hat er sich freigemacht. Ich habe nie den freieren Mensch gesehen und vielleicht werde nie sehen. Jetzt bist du wirklich frei. 

In stiller Trauer, 
dein Freund Friedrich D.

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